Pier/Merken. Sie schauten betreten und waren traurig: ältere Leute, die am Donnerstag zuschauten, wie ein meterhoher Bagger die kleine Kapelle in Vilvenich bei Merken niederriss. Diese Kapelle, einst der heiligen Helena geweiht, war gegen Mittag nur noch ein Haufen Steine. Hobbyfotografen versuchten, den Abriss per Kamera für die Nachwelt festzuhalten.
Die Kapelle, in der am 6. Mai 2008 die letzte Messe gehalten wurde, lag bis Donnerstag malerisch im Hang. Sie bot etwa 75 Personen Platz und musste wegen des gigantischen Hungers unserer Zeit nach Energie dem Braunkohletagebau weichen. Vor zwei Jahren hatte sich der Geschichtsverein Merken noch Hoffnung gemacht, man könne das Bauwerk, das 1318 auf einer Urkunde erstmals erwähnt wurde, Stein für Stein abtragen und andernorts wieder aufbauen. Doch RWE Power als Eigentümer winkte ab: zu teuer.
Das eindrucksvolle Eingangsportal und der Hahn, der auf dem Kirchturm thronte, wurden gerettet. Zumindest in Wort und Bild bleibt das alte Bauwerk erhalten: Im Auftrag von RWE Power hat der Vorsitzende des Dürener Geschichtsvereins, der Historiker Dr. Peter Staats, die Kapelle dokumentiert. Staats ist zuversichtlich, dass es demnächst «zu einer leserfreundlichen Veröffentlichung der Dokumentation», wie er sagte, kommen wird.
«Das ist natürlich sehr traurig, dass ein so geschichtsträchtiges Gebäude verschwindet», kommentierte Rudolf Sommer den Abriss. Sommer ist Mitglied des Merkener Geschichtsvereins und wurde vom Abriss überrascht. Er erinnerte sich: Sein Großvater habe wegen der Kapelle, die er nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges noch vor dem eigenen Haus aufbaute, Streit mit der Großmutter bekommen.
Das einschiffige Kirchlein mitsamt dem Ort hatte eine bewegte Geschichte. Die Kirche wies in ihren ältesten Teilen frühromanische Formen auf. Sie scheint ursprünglich eine richtige Kirche gewesen zu sein und ist möglicherweise schon vor dem 10. Jahrhundert gegründet worden.
Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts bestand Vilvenich nur aus einem einzigen Hof mit umliegenden Häusern. Dieser Hof war in fränkischer Zeit wahrscheinlich Königsgut und kam später an den Grafen von Jülich. In unseren Tagen wird nun ganz Vilvenich weggebaggert. Die restlichen Gebäude werden in etwa einen Jahr folgen, so ist es vorgesehen.
Quelle: an-online.de, 24.06.2010